Die Energiewende braucht Systemdenken und Umsetzungskraft
Interview mit Pierre Bi, Gründer und CEO der Enshift AG
Die Energietransformation schreitet technisch voran, doch in der Umsetzung bleibt weiterhin erhebliches Potenzial ungenutzt. Dezentrale Strom- und Wärmeerzeugung, neue regulatorische Modelle sowie digitale Planungsansätze verändern die Anforderungen an die Elektro- und Energiewirtschaft grundlegend. Im Interview spricht Pierre Bi, Gründer und CEO der Enshift AG, eines Schweizer Cleantech-Unternehmens mit Fokus auf Energietransformationen für Immobilien- und Industrieportfolios, über die zentralen Herausforderungen der Dekarbonisierung sowie die Rolle integrierter Energiesysteme. Zudem erläutert er, warum Systemdenken und ausgeprägte Umsetzungskompetenz entscheidend für den Erfolg der Energiewende sind.
Herr Bi, Enshift ist im Bereich Solarenergie, Energietransformation und Dekarbonisierung tätig. Wie würden Sie den Kern Ihres Geschäftsmodells in wenigen Sätzen beschreiben?
Pierre Bi: Enshift versteht sich als integrierter Anbieter für die Energietransformation von Immobilien- und Industrieportfolios. Wir übernehmen die gesamte Wertschöpfungskette – von der Analyse und Simulation über die Finanzierung und technische Umsetzung bis hin zum langfristigen Betrieb und zur Optimierung der Anlagen. Ziel ist es, erneuerbare Strom- und Wärmeerzeugung nicht nur technisch sinnvoll, sondern auch wirtschaftlich nachhaltig umzusetzen. Entscheidend ist dabei der systemische Ansatz: Einzeltechnologien funktionieren nur dann effizient, wenn sie intelligent miteinander verknüpft sind.
Die Schweiz verfügt über günstige Voraussetzungen für erneuerbare Energien. Weshalb wird dieses Potenzial Ihrer Ansicht nach noch zu wenig ausgeschöpft?
Die Schweiz hat tatsächlich hervorragende Rahmenbedingungen, sowohl technologisch als auch finanziell. Dennoch scheitert die Umsetzung oft an der operativen Realität. Regulatorische Komplexität, fragmentierte Zuständigkeiten und fehlende Koordination zwischen Planung, Finanzierung und Betrieb bremsen viele Projekte aus. Hinzu kommt, dass Gebäudeeigentümer oder Investoren selten die Kapazität haben, diese Themen selbst zu steuern. Die Energiewende ist kein Mangel an Technologie, sondern ein Umsetzungsproblem.
Welche Rolle spielt dabei die Elektro- und Energiewirtschaft?
Eine Schlüsselrolle. Die zunehmende Dezentralisierung verändert die Anforderungen an Netze, Planung und Betrieb grundlegend. Für die Elektrobranche bedeutet das, dass klassische Rollenbilder aufbrechen: Elektroinstallateure, Planer und Netzbetreiber werden stärker zu Systemintegratoren. Gleichzeitig entstehen neue Aufgabenfelder in den Bereichen Lastmanagement, Speicherintegration, Digitalisierung und lokale Vermarktung von Strom.
Sie sprechen häufig von der Notwendigkeit eines systemischen Ansatzes. Was bedeutet das konkret?
Ein systemischer Ansatz betrachtet Energie nicht isoliert nach Gewerken, sondern als zusammenhängendes System aus Erzeugung, Verbrauch, Speicherung und Vermarktung. Photovoltaik, Wärmepumpen, Batteriespeicher und Ladeinfrastruktur müssen aufeinander abgestimmt sein. Nur so lassen sich Lastspitzen reduzieren, Eigenverbrauch optimieren und Netze entlasten. Für die Elektrobranche bedeutet das zwar mehr Planungsaufwand, aber auch eine deutlich höhere Wertschöpfung.
Der Immobiliensektor steht im Fokus Ihrer Aktivitäten. Warum ist gerade dieser Bereich so zentral für die Energietransformation?
Gebäude verursachen einen erheblichen Teil der CO₂-Emissionen und des Energieverbrauchs. Gleichzeitig bieten sie grosse Flächen und stabile Lastprofile. Das sind ideale Voraussetzungen für dezentrale Energieerzeugung. Zudem ist der wirtschaftliche Hebel enorm: Investitionen in erneuerbare Energien senken langfristig Betriebskosten, erhöhen die Attraktivität von Immobilien und reduzieren regulatorische Risiken. Damit wird Dekarbonisierung zu einem handfesten Business Case.
Viele Eigentümer und Investoren zögern dennoch. Was sind die Hauptgründe?
Häufig fehlen transparente Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen über den gesamten Lebenszyklus. Dazu kommen Unsicherheiten bezüglich regulatorischer Entwicklungen, Strompreisen und technischer Komplexität. Nicht zuletzt schrecken hohe Anfangsinvestitionen ab. Enshift adressiert diese Hürden, indem wir Finanzierung und Betrieb integrieren und Projekte über grössere Volumen bündeln. So lässt sich der initiale Kapitalbedarf in vielen Fällen reduzieren, während spezialisierte Fach- und Umsetzungskompetenz zentral bereitgestellt wird.
Welche Rolle spielt Software in Ihrem Ansatz?
Software ist für uns unterstützend – und zunehmend zentral. Bereits ab der ersten Evaluation ermöglichen datengetriebene Simulationen über unsere eigens entwickelte Plattform, Gebäude und Areale präzise zu modellieren. Wir können Erträge, Eigenverbrauch, Netzeffekte, Emissionsreduktionen und Renditen mit hoher Genauigkeit prognostizieren. Das reduziert Planungsrisiken und liefert eine belastbare Entscheidungsgrundlage – für Eigentümer, Elektroplaner, Netzbetreiber und Investoren gleichermassen. Nach der Umsetzung unterstützt dieselbe Plattform den operativen Betrieb als integriertes Energy-Management-System und erleichtert die kontinuierliche Optimierung der Anlagen.
Können Sie ein konkretes Beispiel nennen, wie diese Methodik in der Praxis wirkt?
In einzelnen Projekten werden Gebäude mit begrenztem Eigenverbrauch mit nahegelegenen Abnehmern verknüpft. Solche lokalen Energiepartnerschaften erhöhen die Wirtschaftlichkeit der Anlagen und entlasten gleichzeitig die Netze. Ein konkretes Beispiel liefert ein Projekt in Thun: Mehrere Gebäude wurden über den Eigenverbrauch hinaus mit Solaranlagen ausgestattet, der Überschussstrom wurde an ein nahegelegenes Verteilzentrum mit hohem Energiebedarf weitergeleitet. Durch diese Vernetzung konnte die Wirtschaftlichkeit der PV-Anlagen gesteigert werden, während das lokale Netz entlastet wurde. Solche Modelle zeigen das Potenzial intelligenter, dezentraler Energieintegration.
Die Einspeisevergütungen stehen zunehmend unter Druck. Welche Konsequenzen hat das?
Sinkende oder volatile Einspeisevergütungen verändern die Wirtschaftlichkeit vieler Projekte. Der Fokus verschiebt sich hin zum Eigenverbrauch und zur direkten Vermarktung. Überschüsse können heute nicht nur ins Netz eingespeist, sondern auch flexibel über lokale Energiepartnerschaften, Spotmarktverkäufe oder Flexibilitätsdienstleistungen genutzt werden. Das erhöht die Anforderungen an Messsysteme, Steuerung, Abrechnung und digitale Plattformen – und eröffnet für die Elektrobranche neue Aufgabenfelder im Betrieb, Lastmanagement und bei der Integration dezentraler Energiesysteme.
Welche Bedeutung messen Sie lokalen Elektrizitätsgemeinschaften (LEG) bei?
LEG sind ein entscheidender Hebel, um lokal erzeugte Energie effizienter zu nutzen. Sie ermöglichen es, Strom lokal zu produzieren und zu verbrauchen, was sowohl wirtschaftlich als auch netztechnisch sinnvoll ist. Entscheidend wird sein, wie praktikabel die regulatorische Umsetzung ausgestaltet wird. Auch hier können sich für die Elektrobranche neue Geschäftsfelder eröffnen.
Enshift expandiert stark im europäischen Ausland. Was treibt diese Entwicklung?
Der Druck zur Dekarbonisierung steigt europaweit, regulatorisch und wirtschaftlich. Viele Länder stehen vor ähnlichen Herausforderungen wie die Schweiz, teilweise aber mit höherer Umsetzungsdynamik. Unsere Modelle lassen sich gut skalieren, was die internationale Expansion ermöglicht.
2025 war für Enshift ein Rekordjahr. Was hat zu diesem starken Wachstum beigetragen?
Entscheidend waren aus unserer Sicht die Argumentation unserer integrierten Modelle, die erfolgreiche Umsetzung unserer Projekte und der dadurch erbrachte Nachweis, dass der systemische Ansatz in der Praxis funktioniert und die Ressourcen unserer Kunden entlastet. Gleichzeitig haben volatile Energiepreise, verschärfte CO₂-Vorgaben und regulatorischer Druck den Handlungsbedarf vieler Kunden erhöht.
Der ESG-Diskurs hat an politischer Dynamik verloren. Wie bewerten Sie das?
Der ESG-Hype (Umwelt, Soziales und Unternehmensführung) ist vorbei, aber das ist nicht zwingend negativ. Übrig bleiben Technologien und Geschäftsmodelle, die wirtschaftlich tragfähig sind. Nachhaltigkeit wird weniger moralisch, dafür stärker ökonomisch begründet. Das schafft langfristig stabilere Rahmenbedingungen.
Welche Rolle werden Speichertechnologien und die Kopplung von Strom, Wärme und Mobilität künftig spielen?
Beide sind zentral, um erneuerbare Energien effizient und skalierbar zu nutzen. Speicher erhöhen den Eigenverbrauch, stabilisieren Netze und schaffen neue Vermarktungsmöglichkeiten. Die Sektorkopplung erlaubt es zusätzlich, Lasten flexibel zu steuern – etwa über Wärmepumpen oder Ladeinfrastruktur – und steigert so die Effizienz der Energiesysteme. Für die Elektrobranche bedeutet das eine höhere technische Komplexität, eröffnet aber zugleich neue strategische Chancen in Planung, Betrieb und Optimierung.
Welche Auswirkungen haben die Entwicklungen der Energiewende auf Fachkräfte, und welche Kompetenzen werden künftig besonders gefragt sein?
Die Anforderungen an Fachkräfte in der Elektrobranche steigen deutlich. Neben klassischer Elektrotechnik gewinnen Systemverständnis, digitale Fähigkeiten und Kenntnisse der Energiemärkte an Bedeutung. Wer komplexe Energiesysteme planen, integrieren und betreiben kann, wird zunehmend gefragt sein. Gleichzeitig entstehen neue, langfristig stabile Arbeitsfelder, während reine Einzelgewerkelösungen an Relevanz verlieren.
Was erwarten Sie vom regulatorischen Umfeld?
Stabilität und Planbarkeit. Klare Regeln sind entscheidend, damit Investitionen getätigt werden können. Gleichzeitig sollte der regulatorische Rahmen Innovation nicht ausbremsen.
Abschliessend: Was braucht es, damit die Energietransformation schneller vorankommt?
«Uns natürlich!» Spass beiseite: Entscheidend ist, den Fokus von Grundsatzdiskussionen auf konkrete Umsetzung zu verschieben. Die Technologien sind vorhanden, die Wirtschaftlichkeit vielfach gegeben. Jetzt geht es darum, Systeme intelligent zu kombinieren und konsequent in die Praxis zu bringen.