Large Language Kabbala
Eine kleine Geschichte der Grossen Sprachmodelle
Martin Warnke, Matthes & Seitz, kartoniert, 152 Seiten, ISBN 978-3-7518-3060-7, CHF 20.–
Schon der Buchtitel wirft eine Frage auf: Was hat die aus dem Mittelalter stammende jüdische Kabbala mit den neuen Large Language Models zu tun? Auf den ersten Blick scheinen die Unterschiede dieser Welten unüberbrückbar zu sein. Aber auf den zweiten Blick sieht es anders aus, wie Martin Warnke hier aufzeigt. Bei Ersterer geht es unter anderem um die Suche nach Antworten aus überlieferten heiligen Schriften, bzw. eigentlich um die Hervorbringung der Welt aus einem Text. Bei den LLM ersetzen Rechner den Menschen, und der Input sind keine heiligen, sondern sämtliche online veröffentlichten Textsammlungen.
Detailliert erläutert das Buch die Anfänge der KI mit dem Perceptron, das Gehirnaktivitäten mit visuellem Input simuliert. Sprache stand damals zunächst im Hintergrund. Ein System sollte geschaffen werden, das aus einem beliebigen Eingangssignal statistische Muster extrahiert und aus diesen unter Zuhilfenahme von Parametern das gewünschte Resultat erzeugt. Die Parameter werden durch einen rückgekoppelten Lernprozess optimiert. Weil es ein statistisches Verfahren ist, besteht bekannterweise eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass Antworten falsch sind, obwohl das System korrekt funktioniert.
Dieses Büchlein zeigt überzeugend auf, dass die LLM nicht primär in die Domänen der Neurophysiologie, der Informatik oder der Physik fallen, sondern in das Fachgebiet der Linguistik, denn der Input ist Text, der Output ebenfalls. Das dazwischen liegende künstliche neuronale Netz, geformt durch Backpropagation, liefert ein Ergebnis gemäss der in Textform gestellten Aufgabe. Erst eine linguistische Perspektive, so der Autor, ermöglicht ein tieferes Verständnis der LLM, die als syntaktische Maschinen eigentlich nicht intelligent sind, und deren Resultate deshalb mit der nötigen Skepsis betrachtet werden sollten. Obwohl die LLM nützlich sein können, wird die menschliche Intelligenz als Kontrollinstanz weiterhin ihre Daseinsberechtigung haben.