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ICT

Die Vernetzung verleiht Dingen neue Rollen

Das Internet-of-Things und die Gesellschaft

Allmählich zieht IoT in den Alltag ein. Beispielsweise mit den Wearables – Rechnern, die den Menschen auf Schritt und Tritt begleiten und ihn kontinuierlich analysieren. Was im medizinischen Bereich sinnvoll scheint, ist es in anderen Bereichen nicht immer. Eine Kulturwissenschaftlerin vermittelt Einblicke in Vorzüge und Gefahren des IoT.

07.04.2017  | 

Radomír Novotný

ist Chefredaktor des Bulletin.ch.

  • Electrosuisse
    8320 Fehraltorf
  • E-Mail
Bild: Radomír Novotný
Bild: Radomír Novotný
Bulletin: Das Internet der Dinge ist heute ein Hype-Thema. Was betrachten Sie als wirklich bahnbrechend am IoT?

Mercedes Bunz: Sicher nicht das Gerät, für welches das Internet der Dinge am bekanntesten ist, der SMS verschickende Kühlschrank, der einen daran erinnert, dass man Milch kaufen soll, oder die Zahnbürste, die dem Zahnarzt mangelndes Zahnputzverhalten petzt. Was mich am meisten interessiert, sind neue Fähigkeiten, welche Dinge durch ihren Anschluss an das Internet erwerben: Sie lernen zu sprechen und zu sehen. Das ist für mich als technologieinteressierte Kulturwissenschaftlerin das Interessanteste. Damit verändert sich die Rolle der Dinge.

Im IoT gibt es eine unbeschreibliche Menge an Kombinationen von Sensoren, Kommunikationsmöglichkeiten und Rechnern. Welche Anwendungen sind aus Ihrer Perspektive sinnvoll und nützlich?

Ich selber finde ja schon meine ans Internet angeschlossenen Lampen wunderbar. Wenn ich nach Hause komme, ist das Licht schon an, und ich muss nicht in den ersten Stock hoch gehen, um die Lampe oben auszuschalten. Da nehme ich doch gerne in Kauf, dass ich Siri immer zweimal darum bitten muss, die Lampen auszuschalten – beim ersten Mal scheint die Verbindung nicht zu klappen. Mein Verhalten gibt Ihnen schon die Antwort: Überall, wo das IoT dienlich ist, macht es Sinn. Allerdings will man nicht andauernd von allen Geräten per SMS benachrichtigt werden. Im medizinischen Bereich werden wir zudem viele Anwendungen erleben, welche auf den neuen Fähigkeiten der Dinge basieren. Algorithmen können beispielweise vieles sehen, was unseren Augen verborgen bleibt. Visuell von einer Videoaufnahme Blutdruck messen, zum Beispiel, eine Anwendung, deren Einsatz im Bereich der Frühgeborenen erforscht wird.

Welche Anwendungen betrachten Sie als weniger sinnvoll?

Viele Anwendungen erscheinen albern. Sie werden nur «erfunden», damit eine Firma zeigen kann, dass sie den Zug der Zeit erkannt hat und der Kunde ein «neues» Produkt erwerben soll. Ab und an wird man aber auch überrascht: In unserer Geschichte haben wir ja schon oft Produkte eingeführt, an die keiner glaubte. Die wurden dann zum Erfolg. Die SMS ist eine dieser Techniken, aber auch das Amazon Echo. Wir sollten aber auch nicht vergessen, dass jedes Smartphone ein Ding ist. Wir benutzen es ja kaum noch zum Telefonieren und Sensoren hat es auch.

Mit welchen gesellschaftlichen Auswirkungen des IoT darf gerechnet werden?

Die Grenzen zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit werden weiter verwischt.

Wo liegen die Gefahren beim IoT?

Die grösste Gefahr ist selbstverständlich, dass die Geräte beziehungsweise ihre Daten gehackt werden – so einen Angriff haben wir ja schon im Oktober 2016 durch das Mirai-Botnet gesehen. Ausserdem ist es problematisch, wenn die Geräte ohne das Internet nicht funktionieren. Ein Tesla-Autobesitzer stand neulich in der kalifornischen Wüste vor seinem Auto und konnte nicht mehr hinein. Sein Telefon hatte keine Verbindung.

Zur Person

Dr. Mercedes Bunz lebt in London und ist Senior Lecturer an der University of Westminster, wo sie die Auswirkung zeitgenössischer Technologie auf unsere Gesellschaft erforscht. Als Journalistin war sie unter anderem als Chefredakteurin des Berliner Tagesspiegel Online tätig und arbeitete als Technologiereporterin beim Guardian. Ihr Buch «Die stille Revolution: Wie Algorithmen Wissen, Arbeit, Öffentlichkeit und Politik verändern, ohne dabei viel Lärm zu machen» ist bei Suhrkamp erschienen. Zusammen mit Graham Meikle schreibt sie nun an einem Buch über das Internet der Dinge, das im Herbst beim englischen Verlag Polity Press erscheinen wird.

Downloads

  • D_1704_Bunz (PDF)

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