«Mit gemeinsamer Mission die Zukunft gestalten»
Der neue Electrosuisse-Geschäftsführer im Interview
Anfang 2025 übernahm Björn Avak die Leitung von Markus Burger, der die Organisation zwölf Jahre prägte. Wie sieht die Ausgangslage für den neuen Geschäftsführer aus und welche Vision verfolgt er? Einblicke nach knapp einem Jahr in der neuen Funktion.
Bulletin: Herr Avak, was hat Sie dazu bewogen, die Funktion des Geschäftsführers von Electrosuisse zu übernehmen?
Björn Avak: Durch meine vorherige Tätigkeit als Leiter des Geschäftsbereichs Inspektion und Engineering kannte ich Electrosuisse bereits gut. Dieser Geschäftsbereich erbringt Kundenleistungen, um Energieanlagen sicher und nachhaltig zu machen. Mit der neuen Aufgabe ist das Spektrum des Fachverbandes mit den Mitgliederleistungen hinzugekommen. Was mir bei Electrosuisse besonders gefällt, ist der Freiraum, um gestalten zu können. Es besteht eine Unternehmenskultur, in der man etwas entwickeln und Realität werden lassen kann. Dies mache ich gerne. In meiner vorherigen Funktion konnte ich das bereits verwirklichen, und ich wusste, dass ich dies als Geschäftsführer in noch grösserem Masse tun könnte. Das ist meine Motivation.
Sind die Dinge nun so, wie Sie erwartet haben, oder gab es Überraschungen?
Ja, es gab schon Überraschungen. Electrosuisse ist mit seinen unterschiedlichen Tätigkeiten und Rollen am Markt relativ komplex. Wie sich diese Komplexität im Alltag auswirkt, war mir jedoch noch nicht so klar. Dies ist ein fortlaufender und bereichernder Lernprozess.
Wo liegen aus Ihrer Sicht die Stärken von Electrosuisse?
Electrosuisse hat sehr viele Stärken. Zunächst einmal arbeitet Electrosuisse an Themen, die relevant sind und bleiben – die Herausforderung der sicheren und nachhaltigen Elektrizität. Die Lösungen, die wir unseren Kunden und Mitgliedern diesbezüglich anbieten, sind wegweisend. Die zweite Stärke, die Electrosuisse auszeichnet, ist Einzigartigkeit. Eine ähnlich breite Organisation wie Electrosuisse ist mir auf dem Feld der Elektrizität nicht bekannt. Dadurch hat unsere Organisation auch viele Verbindungen zu Kunden, zu Mitgliedern und Institutionen. Die dritte Stärke ist die Fähigkeit, als Fachorganisation technikbegeisterte Menschen anzuziehen und zu halten. Das ist ein wesentlicher Schlüssel zu unserem Erfolg, weil diese Menschen die Energie und Innovationskraft von Electrosuisse ausmachen. Wir verfügen über eine Kultur, die Initiative und Eigenverantwortung ermöglicht. Daraus ergibt sich ein Win-Win zwischen Electrosuisse und dem Einzelnen.
Wo sehen Sie noch Entwicklungspotenzial?
Jede Stärke birgt auch eine Schwäche, und das gilt auch hier. Electrosuisse hat zahlreiche Partner – Elektrofachleute, Energieversorger, Gerätehersteller. Ein Elektrogerätehersteller hat einen anderen Anspruch an uns als beispielsweise eine Elektrofachperson. Für jede Gruppe erbringen wir wichtige Einzelleistungen. Die Gesamtmission tritt dabei manchmal zu stark in den Hintergrund, d. h. die gemeinsame Funktion von Electrosuisse für alle Partner und für die Gesellschaft. Daneben gilt es, die Fachverbandsleistungen noch zielgruppenorientierter auszurichten. Indem wir diese Punkte gezielt angehen, schaffen wir eine durchgängige Wertschöpfungskette, die aus Kunden Mitglieder und aus Mitgliedern Kunden macht.
Gibt es bei der Digitalisierung, beispielsweise bei der KI, noch Ausbaubedarf?
Heute werden sämtliche Leistungen – von der Normung über die Tagungsorganisation bis zum Kursangebot – über eine einheitliche Softwareplattform abgewickelt. Unsere Partner können über das myElectrosuisse-Login transparent alle Leistungen einsehen und mit uns darüber kommunizieren. Bei den Einzelleistungen geht die Digitalisierung sogar noch weiter. So verfügen wir über ein vielseitiges E-Learning-Angebot im Bereich Elektrizität, welches sich nahtlos in das Intranet unserer Kunden integrieren lässt. Oder wir bieten ein Qualitätssicherungsmodul auf myElectrosuisse, über welches Kunden die Qualität ihrer Elektroinstallationen überwachen und die Mängelbehebung steuern können.
Ziel ist, unsere Partner in der anspruchsvollen Welt der Elektrizität nicht nur technisch, sondern auch administrativ zu entlasten. Wir automatisieren Abläufe und schaffen so wertvolle Freiräume für unsere Partner. Aber selbstverständlich ist dies nicht das Ende der Reise. Zum Stichwort KI: Ein zentraler Schlüssel ist der aussergewöhnliche Wissens- und Erfahrungsschatz unserer Mitarbeitenden. Digitalisierung hilft uns, diesen Schatz sichtbar und zugänglich zu machen. Seit Anfang des Jahres setzen wir ein KI-basiertes Expertensystem ein, um das kollektive Wissen unserer Mitarbeitenden zu skalieren und für alle nutzbar zu machen. Das gemeinsame Interesse an Technik ist ein vereinender Faktor unserer Kultur. Die Electrosuisse-Mitarbeitenden sind begeistert von Elektro- und Energietechnik im Speziellen und Technik im Allgemeinen. Und da ist es nur konsequent, dass wir KI und Digitalisierung nutzen, um unseren Mitarbeitenden gute Werkzeuge zur Verfügung zu stellen.
Früher spielte die Informationstechnik gefühlt eine grössere Rolle bei Electrosuisse. Wieso ist das nicht mehr der Fall?
Die Welt der Technik ist vielschichtig geworden und verändert sich schnell. Der Schlüssel liegt darin, seine Zielgruppen und ihre Themen zu kennen. Unsere Zielgruppen sind die Elektrofachleute und Elektroingenieure. Informationstechnik ist ein eigenes Gebiet. Wir berücksichtigen Informationstechnik dort, wo sie für unsere Zielgruppen relevant ist, z.B. bei den Themen Smart Grid oder Elektroplanung.
Welche Rolle spielt die Energiewende im Angebot von Electrosuisse?
Eine wichtige. Bei der Energiewende klafft eine Lücke zwischen Zielen und Umsetzung. Unsere Rolle ist es, diese Lücke mit praktikablen Lösungen zu schliessen. Es geht darum, Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit klug miteinander zu verbinden. Die Rolle von Electrosuisse ist hier, als pragmatischer, neutraler und branchenübergreifender Brückenbauer zu fungieren. Wir können technische Lösungen entwickeln und bei der Umsetzung helfen. Wir verfügen über ein interdisziplinäres Engineering-Team, das Energiekonzepte erstellt und anspruchsvolle Probleme löst. Dennoch könnten wir sicher noch besser nach aussen tragen, welchen Nutzen unsere Rolle als Brückenbauer im Kontext der Energiewende hat.
Können Sie bereits sagen, wo Sie andere Schwerpunkte als Ihr Vorgänger setzen?
Für Organisationen gilt das Gleiche wie für Menschen. Man lernt im Laufe seines Lebens dazu, baut neue Fertigkeiten auf. Electrosuisse hat unter meinem Vorgänger wertvolle Fertigkeiten aufgebaut, die es weiter zu pflegen gilt. Auf diesem Fundament entwickeln wir nun weitere Kompetenzen. Konkret geht es darum, unser Praxiswissen aus interdisziplinären Projekten systematisch für unsere Mitglieder und Kunden zu erschliessen. Ein erstes Bildungsangebot hierzu für Nachhaltigkeitsverantwortliche bei Energieversorgern und Gemeinden wird im März verfügbar sein. Daneben gilt es, mit der Geschäftsleitung ein Führungsteam aufzubauen, das als unternehmerischer Vordenker fungiert, eine Richtung vorgibt und diese mit den Mitarbeitenden umsetzt. Das ist eine gestalterische Herausforderung und eine Leadership-Aufgabe.
Und was ist beim Erreichen dieser Mission zurzeit die grösste Herausforderung?
Die Vielfältigkeit von Electrosuisse. Mit 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist Electrosuisse ein grösseres KMU. Electrosuisse ist ein Verband, ein Unternehmen und mit dem ESTI auch eine Dienststelle im Auftrag des Bundes. In diesen Rollen gibt es zahlreiche verschiedene Anspruchsgruppen. Wir haben unsere Mitglieder, die Kunden, den Bund und die Mitarbeitenden. Meine wesentliche Führungsaufgabe besteht darin, die vielfältigen Interessen zu bündeln und auf eine gemeinsame, strategische Vision auszurichten.
Was freut Sie in dieser Situation besonders?
Ich achte immer auf die Stimmung, wenn ich irgendwo zu Besuch bin, und auch in der eigenen Organisation. Viel zeigt sich daran, wie die Menschen miteinander umgehen. Ein Schlüsselerlebnis war für mich unser diesjähriger Führungstag im Juni. Dort treffen sich jährlich alle Führungskräfte von Electrosuisse. Wir führen einen Dialog zwischen Geschäftsleitung und Führungskräften, wie wir uns gemeinsam entwickeln und welche Ziele wir uns setzen. Begeistert hat mich die wohlwollende und konstruktive Atmosphäre. Man hört sich zu, man respektiert und schätzt einander. Dieser Dialog ist das Fundament für unsere gemeinsame Weiterentwicklung.